Ganz offen und ohne Beschönigung: "Es widert mich an, wie unser Sozialstaat nicht nur teilweise ausgenutzt wird und dass dieses Verhalten dann auch noch in Formaten im Fernsehen zur Schau gestellt und normalisiert wird."


Es tut mir leid, aber ich kann es einfach nicht für mich behalten, es brennt mir regelrecht unter den Nägeln. 

Ich erlebe fast monatlich, wie aufwendig und entwürdigend es sein kann, Grundsicherung zu beantragen, ein Formular nach dem anderen, man muss gefühlt sein ganzes Leben offenlegen und gleichzeitig entsteht der Eindruck, dass manche das System für sich ausnutzen, ohne Rücksicht auf andere. 

Das frustriert mich einfach nur, es ist schwer nachzuvollziehen, nicht mehr zu ertragen.

Sie haben offenbar kein wirkliches Interesse daran, vom Amt unabhängig zu werden. Stattdessen geben sie sich bewusst hilfloser, als sie sind, um weiterhin Leistungen zu beziehen.

Ich sehe jeden Tag, wie tief die Risse in unserer Gesellschaft geworden sind und ganz ehrlich, ich habe keine Lust mehr, das schönzureden.

Da sind Menschen, die sich kaputtarbeiten, die früh aufstehen, Überstunden machen, teilweise mehrere Jobs stemmen und am Ende reicht es trotzdem kaum zum Leben, jeder Einkauf wird zur Rechnung, jeder Monat zum Balanceakt.

Und dann gibt es ein System, das eigentlich auffangen soll aber längst nicht nur auffängt.

Ja, es gibt viele, die wirklich Hilfe brauchen, Menschen, die unverschuldet abgestürzt sind, für sie ist der Sozialstaat kein Luxus, sondern Überlebensgrundlage, daran gibt es nichts zu rütteln.

Aber genauso gibt es die andere Seite, die, über die kaum jemand offen spricht, Menschen, die genau wissen, wie man das System nutzt, die sich darin eingerichtet haben, für die es bequemer ist, drin zu bleiben, als wieder rauszugehen.

Und genau das ist der Punkt, der alles vergiftet.

Es geht nicht nur ums Geld, es geht um Gerechtigkeit, um das Gefühl, dass sich Leistung noch lohnt.

Wenn jemand arbeitet, zahlt, verzichtet und am Ende kaum besser dasteht als jemand, der das System maximal ausreizt, dann läuft etwas fundamental falsch.

Dieses Ungleichgewicht zerstört Vertrauen, in den Staat, in die Politik und irgendwann auch ineinander.

Was mich wütend macht, das man darüber kaum sprechen darf, das Probleme kleingeredet oder moralisch erstickt werden, wer sie anspricht, wie ich, wird schnell abgestempelt, statt dass man sich ehrlich mit der Realität auseinandersetzt.

Aber Wegsehen löst nichts.

Ein funktionierender Sozialstaat basiert auf einem einfachen Prinzip, Solidarität gegen Verantwortung. Hilfe für die, die sie brauchen, aber auch die klare Erwartung, dass jeder, der kann, seinen Beitrag leistet.

Unterstützung darf kein Dauerzustand sein, wenn es Alternativen gibt und sie darf erst recht kein System sein, das man bewusst umgeht, weil es sich lohnt.

Wenn wir das nicht endlich offen benennen, wird der Graben weiter wachsen, zwischen denen, die tragen und denen, die getragen werden, ob berechtigt oder nicht, verschwimmt dabei zunehmend.

Und wenn dieser Graben zu groß wird, dann zerbricht etwas Grundlegendes.

Ich glaube nicht, dass wir uns noch im „Irgendwann“ befinden.

Ich glaube, wir sind längst mittendrin.

Kommentare

  1. Lieber Herr Schöpe,

    ja, hart – aber es ist die Wahrheit. Es gibt tatsächlich Menschen, die auf Bürgergeld oder ergänzende Leistungen angewiesen sind. Dann gibt es wiederum jene, die sich aus verschiedenen Gründen nicht trauen, überhaupt einen Antrag zu stellen – das kennen Sie aus Ihrer Erfahrung nur zu gut.

    Auf der anderen Seite stehen jedoch auch Menschen, die schlicht keine Motivation haben zu arbeiten. Warum auch, wenn der Staat zahlt? Genau hier liegt der entscheidende Punkt: In solchen Fällen müsste konsequenter gehandelt werden. Wer sich bewusst gegen Arbeit entscheidet, sollte nicht dauerhaft auf staatliche Unterstützung zählen können. Die bestehenden Kürzungen scheinen oft nicht auszureichen, da immer wieder neue Wege gefunden werden, diese zu umgehen – etwa durch fragwürdige Krankschreibungen. Auch hier wäre ein strengeres Vorgehen notwendig.

    Wie Sie wissen, macht unser gemeinsamer Hausarzt da nicht mit, ebenso wie andere, die wir kennen – und das ist auch gut so.

    Sie sprechen die Dinge sehr offen und realistisch an. Solche ehrlichen und differenzierten Darstellungen sollten viel häufiger in den Medien zu finden sein.

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  2. Dieser Beitrag und auch die Antwort treffen genau das, was ich empfinde.
    Meine Großmutter bekommt nur eine sehr kleine Rente. Deshalb haben wir uns an Herrn Schöpe gewandt und nachgefragt, ob ihr Grundsicherung zusteht. Er hat sofort bestätigt, dass sie Anspruch darauf hat und Herr Schöpe hat es direkt in die Wege geleitet.
    Meine Großmutter hatte große Hemmungen, weil sie nicht als Bittstellerin dastehen wollte und sich für ihre Situation schämte.
    Herr Schöpe konnte ihr diese Angst nehmen und hat gemeinsam mit uns den Antrag gestellt.
    Nach etwa zweieinhalb Monaten wurde dieser schließlich bewilligt, allerdings erst, nachdem Herr Schöpe eine Untätigkeitsbeschwerde eingereicht hatte.
    Inzwischen hat sich ihre Sichtweise geändert, und sie fühlt sich nicht mehr wie eine „Bettlerin“.
    Trotzdem schaut sie regelmäßig die Sendung „Hartz und herzlich“, es ist kaum zu glauben, wie sehr sie sich dabei aufregt und lautstark kommentiert.
    Wir fragen sie oft, warum sie sich das überhaupt ansieht, aber für sie gehört es einfach dazu. Wenn sie dann schimpft und ruft „geh arbeiten“, kann man ihren Standpunkt zumindest nachvollziehen.
    Ich selbst habe mir so eine Sendung auch einmal angesehen und konnte kaum verstehen, warum so etwas ausgestrahlt wird.
    Meiner Meinung nach müsste das Jobcenter in sehr vielen Fällen stärker eingreifen, besonders bei Leuten, die öffentlich sagen, dass sie nicht arbeiten wollen, das sorgt einfach sehr großes für Unverständnis.
    Mich hat das ebenfalls ziemlich aufgeregt, weshalb ich solche Sendungen inzwischen meide.
    Schließlich gehen andere Menschen arbeiten und tragen das System mit, da fällt es schwer, solche Darstellungen unkommentiert zu lassen.

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  3. Lieber Peter,

    auch dieses Thema ist äußerst brisant und du hast es sehr treffend dargestellt, ich bin mir nicht sicher, ob ich das so präzise formuliert hätte.

    Du weißt, dass ich meine Meinung normalerweise sehr direkt äußere, in diesem Fall halte ich mich jedoch bewusst etwas zurück, um sachlich zu bleiben.

    Ich sehe es so, es gibt Menschen, die trotz Arbeit auf Unterstützung angewiesen sind, weil ihr Einkommen nicht ausreicht, das betrifft auch einige Kollegen von mir, sie leisten ihren Beitrag, werden zwar über Mindestlohn bezahlt, arbeiten aber in einfachen Tätigkeiten und kommen dennoch finanziell kaum über die Runden.

    Hier halte ich Unterstützung für absolut gerechtfertigt.

    Kritischer sehe ich jedoch Fälle, in denen vorhandene Möglichkeiten zur Arbeit oder Mitwirkung nicht genutzt werden.

    Aus meiner Sicht sollte das System hier klare Anforderungen und verbindliche Regeln enthalten, damit Unterstützung zielgerichtet bleibt und Anreize zur Eigenverantwortung bestehen.

    Das Thema ist komplex und emotional, deshalb ist es umso wichtiger, differenziert zu bleiben und klare, aber faire Grenzen zu setzen.

    Viele Grüße

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    1. Hallo zusammen,

      historisch gab es Zeiten, in denen „Arbeit“ stark als Pflicht gegenüber der Gemeinschaft betont wurde. Unabhängig von politischen Einordnungen halte ich es für wichtig, darüber differenziert zu sprechen.

      Eine allgemeine Verpflichtung für Männer und Frauen zum Dienst bei der Bundeswehr oder zu einem Ersatzdienst besteht derzeit rechtlich nicht.

      Mich irritieren Aussagen wie „Warum sollte ich arbeiten gehen, andere tun das doch für mich.“

      Solche Haltungen werfen Fragen nach Eigenverantwortung und Solidarität auf.

      Aus meiner Sicht sollte hier im Rahmen der geltenden Gesetze konsequent geprüft werden, welche Mitwirkungspflichten bestehen und welche rechtlichen Konsequenzen bei Verstößen vorgesehen sind.

      Gleichzeitig ist klar, dass weitreichende Maßnahmen, etwa Leistungskürzungen, an enge gesetzliche Voraussetzungen gebunden sind und sorgfältig abgewogen werden müssen.

      Letztlich geht es darum, einen fairen Ausgleich zwischen individueller Freiheit, sozialer Absicherung und gesellschaftlicher Verantwortung zu finden.

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    2. Ein Dilemma, aus dem wir scheinbar nicht mehr herauskommen.

      Ich betreibe ein Unternehmen im Bereich Heizung und Sanitär und bin ständig auf der Suche nach Fachkräften und Auszubildenden. Die Situation ist inzwischen ernst und ehrlich gesagt frustrierend.

      Ich verstehe mich als Teamplayer in der Rolle des Chefs. Das bestätigen auch meine langjährigen Mitarbeiter. Bei uns wird nicht herumgeschrien. Wenn Fehler passieren, werden sie gemeinsam gelöst. Perfekt ist niemand, ich eingeschlossen.

      Doch was wir im Bewerbungsprozess erleben, ist zunehmend schwer nachvollziehbar, Bewerber machen zunächst einen guten Eindruck, bringen ordentliche Unterlagen mit, man entscheidet sich füreinander.

      Die ersten Wochen laufen oft problemlos. Und dann? Häufig folgt eine Krankmeldung, das ist selbstverständlich legitim und gehört zum Leben dazu.

      Was jedoch irritiert, aus wenigen Tagen werden längere Ausfallzeiten und nicht selten bleibt danach jede weitere Rückmeldung aus.

      Kein Erscheinen mehr, keine Kommunikation, für uns als Betrieb ist das kaum planbar und belastet das gesamte Team.

      Dabei bieten wir faire, übertarifliche Bezahlung und beteiligen unsere Mitarbeiter zusätzlich am Unternehmenserfolg.

      Wir sind offen für Verbesserungen und neue Ideen, aber solche Erfahrungen werfen Fragen auf.

      Es handelt sich leider nicht um Einzelfälle, ähnliche Situationen haben wir im Laufe der Jahre mehrfach erlebt.
      Einzelne persönliche Entscheidungen oder Motive möchte und kann ich nicht bewerten, aber die Auswirkungen auf Betriebe wie unseren sind deutlich spürbar.

      Auch im Ausbildungsbereich zeigt sich ein schwieriges Bild, trotz attraktiver Vergütung und ehrlichem Interesse an Nachwuchsförderung bleibt die Resonanz gering.

      Termine werden vereinbart und dann ohne Absage nicht wahrgenommen, das ist schade, vor allem für beide Seiten.

      Mich macht das weniger wütend als vielmehr nachdenklich. Was läuft hier schief? Und vor allem: „Was können wir als Arbeitgeber noch besser machen?2

      Ich bin offen für konstruktive Vorschläge.

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  4. Vielen Dank für die zahlreichen Beiträge.

    Ich hätte ehrlich gesagt nicht erwartet, überhaupt Rückmeldungen zu erhalten, umso mehr freut es mich zu sehen, dass das Thema ernst genommen wird und auf so großes Interesse stößt.

    Es bedeutet mir wirklich viel, solche Beiträge zu lesen, da sie mich in meiner Sichtweise voll und ganz bestärken.

    Nochmals herzlichen Dank!

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  5. Einfach toll geschrieben, es ist so und daran geht nichts vorbei. Ehrlich aufgeführt wie die Situation ist und diese ist nicht mehr auszuhalten! Die Politik ist aufgefordert zu handeln, aber was schreibe ich, die Politiker sind von uns als Volk gewählt, das war es dann, Versprechungen sind verhallt, auf das eigene Volk wird nicht gehört, wir als Volk sind Nebensache! Sind sich eigentlich die Politiker von heute noch bewusst das sie "Volksvertreter" sind, den Willen des Volkes nachzukommen? Nein, sie machen was sie wollen, entscheiden über unsere Köpfe aber dazu muss ich leider sagen "der deutsche Michel sitzt auf dem Sofa und schimpft, geht aber nicht gegen die Entscheidungen vor", der Michel sollte sich einmal ein Beispiel an Frankreich holen, die Franzosen gehen geschlossen auf die Straße und bewirken etwas!

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